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Japanische Popkultur

Sex in Tokio: Pizza, Bier und Kosuke

Eigentlich war Kosuke gar nicht mein Typ. Schlaksig, ruhig und ein wenig nerdig, wie so ein typischer Informatikstudent eben. Durch seine schwarz umrandete Brille drängten sich zwei smaragdgrün Augen, wenn er lachte, dann grunzte er manchmal etwas.
Sex in Tokio: Pizza, Bier und Kosuke
Sex in Tokio: Pizza, Bier und Kosuke

Sex in Tokio

Pizza, Bier
und Kosuke

Sara Aoki
Sara Aoki

Eigentlich war Kosuke gar nicht mein Typ. Schlaksig, ruhig und ein wenig nerdig, wie so ein typischer Informatikstudent eben. Durch seine schwarz umrandete Brille drängten sich zwei smaragdgrün Augen, wenn er lachte, dann grunzte er manchmal etwas.

Oft polterte aus seinem Zimmer lauter, dumpfer Techno, während er an der Webseite eines Tokioer Startups, das das Tinder für Staubsauger oder so etwas in der Art sein wollte, bastelte. Wäre Kosuke mir auf der Straße entgegen gekommen oder hätte er mich auf einer Party angequatscht, dann hätte ich ihn kaum beachtet. Zu wenig Muskeln, zu wenig Charisma, zu wenig blonde Haare. Eigentlich war Kosuke gar nicht mein Typ.

Fast ein halbes Jahr lang hatte ich mit Kosuke und Izumi in einer WG in Shinjuku gewohnt. Izumi studierte Verpackungstechnik im vierten Semester und war selten zu Hause. Oft übernachtete sie bei ihrem Freund, mit dem sie bereits seit der Schulzeit zusammen war.

Izumi war sehr ordentlich. Wenn sie kochte, war das Geschirr danach sofort gewaschen. Wenn sie duschte, wischte sie das Glas mit einem eigenen Schaber trocken. Und wenn sie eine kleine Party veranstaltete, waren die leeren Dosen und Chipstüten bereits am nächsten Morgen verschwunden.

Meine angeborene chaotische Art vertrugen sich zwar nicht immer reibungslos mit dem Putzfimmel von Izumi und der logischen Mentalität von Kosuke, aber erstens war ich froh, ein Zimmer gefunden zu haben, und zweitens redete ich mir ein, dass die beiden mich in gewissen Dingen zu einem besseren Menschen machten.

Ließ ich früher Pizzaschachteln, Unterwäsche und Bierdosen kreuz und quer in meinem Zimmer und drumherum liegen, achtete ich nun darauf, nicht allzu negativ aufzufallen. Für Kosuke und Izumi war ich vielleicht so etwas wie eine frische Brise, zumindest redete ich mir das ein.

Das lief auch alles ganz gut, bis ich eines Nachts sturzbetrunken von einer Party bei meiner besten Freundin zurück kam. Leise versuchte ich mich in die Wohnung zu schleichen, was daran scheiterte, dass ich beim Hereinkommen über den Teppich stolperte und so blöd gegen die Garderobe knallte, dass ich die Hälfte der Jacken mitsamt Aufhänger herunterriss.

Izumis sonst übliches Gemeckere blieb allerdings aus, die nächtigte bei ihrem Freund. Stattdessen trat Kosuke aus seinem hell erleuchteten Zimmer. Er hatte ein Stück Pizza in der Hand, auf seinem Computermonitor lief Final Fantasy, aus den Lautsprechern polterte ein nicht enden wollender Beat.

"Alles in Ordnung?" fragte er kurz, stopfte sich das Pizzastück in den Mund und half mir auf. "Ja, ja, passt schon..." kicherte ich benommen. "Hast du noch Pizza übrig?", stotterte ich dann. "Ähm, ja, klar!" stotterte er zurück.

Ich holte zwei Dosen Asahi Super Dry aus dem Kühlschrank und folgte ihm in sein Zimmer, nur um von einer halben Salamipizza begrüßt zu werden. Wie ein wildes Tier stürzte ich mich auf sie. Kosuke wusste nicht, ob er lächeln oder mich von seiner Pizza stoßen sollte, aber er blieb höflich und schaute zu, wie ich den belegten Brotfladen in mich hinein stopfte. Satt, und vom Bier gleich noch mehr beschwipst, saß ich auf seinem Bett und wir begannen ein wenig zu plaudern.

Über meine und seine Eltern, über seine Jugend in Fukuoka, über Tokio und die Leute und die Partys und die Uni und warum wir mal wieder gegen irgendetwas demonstrieren sollten. Umweltverschmutzung oder sowas. Kosuke verwandelte sich vom schlaksigen Nerd in einen Menschen mit außergewöhnlichen Gedanken und emotionalem Tiefgang.

Vielleicht war ich auch einfach nur besoffen und ein wenig notgeil. Und natürlich schliefen wir in dieser Nacht miteinander. Dass mich ein schlecht animiertes und seltsam atmendes 3D-Skelett auf dem Monitor anglotzte, während ich mit heruntergezogener Unterhose vor Kosuke kniete, hätte ich womöglich als schlechtes Omen interpretieren sollen.

Nach dem Sex verabschiedete ich mich in mein Zimmer, nur um am nächsten Morgen auf einen Kater und einen kaum sprechenden Kosuke zu treffen. Er saß beim Frühstück und löffelte eine Suppe, als ich nur mit Unterwäsche bekleidet in die Küche wankte.

"Guten Morgen!" begrüßte ich ihn wohl etwas zu laut, es kam nur ein emotionsloses "Morgen" zurück. Er sah nicht so aus, als wolle er Gesellschaft, also goss ich mir ein Glas Milch ein, verschwand wieder in meinem Zimmer und legte mich erneut ins Bett.

"Ihr habt was?!" schreckte mich einige Stunden später Izumis Gebrüll aus dem Schlaf. Dann Gepolter. Dann ein Klopfen an der Tür. "Du hast mit Kosuke gevögelt?!" schnauzte sie mich an. Noch halb im Schlaf gab ich nur ein "Ja, und?" zurück, das Izumi wohl so sehr aufregte, dass sie aus meinem Zimmer in ihres stürmte und die Tür zuknallte.

Es stellte sich heraus, dass Kosuke und Izumi seit einigen Wochen eine Affäre hatten und heimlich vögelten, wenn ich nicht zu Hause war. Und da ich generell schwer von Begriff bin, bekam ich weder vom regelmäßigen Geschlechtsverkehr noch von der Tatsache, dass Izumi sich in Kosuke verliebt hatte und mit dem Gedanken spielte, ihren Freund für ihn zu verlassen, etwas mit.

Während ich mich wie bei Tokyo Love Story fühlte, weigerte Izumi sich ab diesem Morgen auch nur noch ein Wort mit mir zu sprechen. Die nächsten Wochen lebte ich also mit einer mich hassenden Putzfetischistin und einem überforderten Nerd zusammen, bevor es mir zu bunt wurde und ich mir eine neue WG in der Nähe meiner besten Freundin suchte.

Die letzten SMS, die ich mit Kosuke austauschte, erzählten davon, dass Izumis Freund mit ihr Schluss gemacht hatte und die WG kurz danach aufgelöst wurde, weil herauskam, dass Kosuke gar nichts von Izumi wollte. Außer eben Sex.

Auch heute noch frage ich mich, ob ich schuld daran war, dass diese sich bis dahin eigentlich ganz gut funktionierende WG aufgelöst hatte. Ob ich einfach nicht nach einem Stück Pizza hätte fragen sollen. Oder ob ich meine Hose hätte anlassen sollen, als dieses Computerskelett direkt in meine nicht ganz reine Seele schaute. Aber heute können sowohl ich als auch meine drei neuen Mitbewohner über diese Geschichte lachen, wenn wir sie uns bei einer Salamipzza und der ein oder anderen Dose Asahi Super Dry erzählen. Und zwar immer und immer wieder.

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Der Text stammt von Sara Aoki
Das Bild stammt von Andre Benz
Der Artikel erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Asien, Geschichten, Japan, Sex und Tokio
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